Schöne Freunde — A. Geiger

Relativ wenig gute Kritik fand man bekanntlich zu Arno Geigers früheren Werken, so auch zu Schöne Freunde, Geigers drittem Roman aus dem Jahr 2002. Umso mehr war ich also auf diesen erstmal recht kurz wirkenden Roman (lediglich 164 Seiten im dtv Verlag) auch gespannt. IMG_5073

Es ist die Geschichte eines kleinen Knaben, der in einer Welt lebt, die er glaubt, zu verstehen; eine Welt, in die er zu gehören glaubt, ständig begierig, Neues zu lernen. Kindlich originell interpretiert er für sich die Welt, schwärmt für die junge Angestellte (wie dies kleine Buben eben tun) und hat seinen Platz in dieser Welt am großen eisernen Tor neben dem Akkordeonspieler. Er bildet sich sein Weltverständnis aus den Aussagen derer, die am Tor vorbeikommen —Ausdrücke, die in der Luft hängen —  und eignet sich die willkürlich aufgeschnappten Phrasen an.

Doch mit dem Grubenunglück wird nach und nach deutlich, wie der Junge an die Grenzen seines Weltverständnisses stößt: Der Direktor ist nicht mehr derselbe, er scheint ganz und gar verändert, auch die Frau Grüneisen, der Wäschereibetreiber und sogar die Frau Berber – plötzlich ist rein gar nichts mehr, wie es zuvor war. Und das wohl Schlimmste an dem ganzen Unglück: niemand sagt mehr, dass er jemanden liebe.

Nur eins meinte ich von alleine zu wissen, mit zermürbender Klarheit (…), daß die Dinge, die sich irgendwann (was ist irgendwann) zu verändern begonnen hatten, nicht nur nicht mehr dieselben, sondern plötzlich völlig verschieden waren von denen, die sie gewesen waren.  

Es ist das Erwachsenwerden, das der Junge auf eine phantasiereiche Art und Weise erlebt. Nicht mehr zu verstehen und dennoch bereits so vieles zu erahnen. Und immer wieder der Himmel, der Himmel als Metapher für das Bleibende und das vergängliche zugleich (während die Perspektive der Zeit immer wieder relativiert wird), für das Unerwartete, für das Unberechenbare und das dennoch einzig Konstante.

Fazit: Schöne Freunde ist bestimmt kein Roman für „Zwischendurch“, vielmehr ist er ein unglaublich phantasie- und kunstvoller Roman, auf den man sich mit  Geduld und Zeit einlassen sollte. Denn wie ich meine, kann man nur dann die wahre Schönheit dieses Romans erfahren.

Persönliche Bewertung: ✪✪✪✪ 4/5

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