Ein gutes Leben ist die beste Antwort — F. Dönhoff

„Es ist, wie es ist.“ lautet wohl einer der häufigsten Sätze Jerry Rosensteins in dem über ihn von Friedrich Dönhoff verfassten biographischen Werk Ein gutes Leben ist die beste AntwortIMG_5441

Doch es ist viel mehr, als lediglich „Die Geschichte des Jerry Rosenstein“, wie der Untertitel verrät; es ist viel eher eine Aufarbeitung des Erlebten im Zuge einer Reise, die der Autor und Jerry Rosensetin gemeinsam unternehmen; eine Reise in die Vergangenheit, an die Orte, an denen Jerry Rosensteins Leben begann und schließlich eine unbegreifliche Wendung nehmen sollte.
In einer großen Fülle von Literatur zur Aufarbeitung der Kriegsjahre stechen immer wieder einzelne Bücher besonders hervor, wie zum Beispiel ebendieses über die Geschichte des Jerry Rosenstein, dessen „Unglück“ für die damaligen Umstände es war, nicht nur jüdischen Glaubens sondern obendrein auch noch homosexuell zu sein.

In Bensheim 1927 geboren  und aufgewachsen, emigriert Jerry 1936 mit seiner Familie nach Amsterdam, nachdem Angriffe auf die Juden in Deutschland immer heftiger geworden waren. Doch auch dort sollte die Familie Rosenstein nicht sicher sein, 1943 erfolgt die Deportation. Aber Jerry sollte es schaffen, er sollte die fürchterlichen, unmenschlichen Zustände in Auschwitz überleben und am Ende der einzig überlebende Sohn der Eltern bleiben…
Man fragt sich, wie ein Mensch diese Widerwärtigkeiten je verarbeiten kann, wie man solche Bilder je aus seinem Kopf, aus den Gedanken streichen und nicht konstant von grausamen Erinnerungen geplagt werden kann. Fragen, die sich schwer beantworten lassen, Fragen, denen auch der Autor Friedrich Dönhoff versuchte nachzugehen:

„Wie schafft er es, ein Leben ohne Hass und Bitterkeit zu führen, wo er doch in jungen Jahren so viel Unmenschliches und Grausames gesehen und erlebt hat?“

Und dennoch, Jerry Rosenstein scheint, seine Vergangenheit, all die Grausamkeiten, all die Gräueltaten, die er erleiden und die er mit ansehen musste, hinzunehmen. Man dürfe nur keinen Hass entwickeln, man müsse akzeptieren, was nicht zu ändern sei, denn — Es ist, wie es ist — und: ein gutes Leben zu führen, sei dabei wohl bei weitem noch die beste Alternative. 

„Er erklärt mit Nachdruck, er trage keinen Hass in sich, im Gegenteil, von Hass müsse man sich befreien, sonst fresse er einen auf.“

Am 1. Jänner 2016 verstarb Jerry Rosenstein schließlich in San Francisco, wo er bis an sein Lebensende gelebt hatte.

Mit einer sprachlich sehr sachlichen Nüchternheit, einem Aufzeigen der Ereignisse und Erlebnisse und ohne die Schilderung großer Emotionen kommt diese so besondere Geschichte aus und dennoch – oder gerade deshalb – schafft sie es, dass man bei der Lektüre richtig Gänsehaut bekommt. Sehr geschickt verwebt der Autor immer wieder Berichte über die gemeinsame Reise mit literarisch aufgearbeiteten Erinnerungen des Jerry Rosenstein und schafft so eine direkte Verbindung zu den Orten von den Fotos aus früheren Jahren, die auf der Reise besucht werden. IMG_5443

Mit besonderem Interesse lese ich Literatur, die sich mit dem Geschehen des 2. Weltkrieges beschäftigt, Literatur, die aufarbeitet, die aufzeigt, was nie wieder geschehen darf und gleichzeitig mahnt, Geschehenes nicht zu vergessen. Vor allem in einer Zeit, in der rechte Parteien auch in Österreich leider wieder immer stärker werden und viele  junge Menschen nicht erinnert werden wollen oder zumindest zu vergessen scheinen, was nur wenige Generationen vor ihnen angerichtet wurde, wie viel schier Unmenschliches Menschen anderen Menschen angetan hatten.

Nicht zuletzt deshalb möchte ich dieses Buch auch besonders empfehlen:
eine sehr besondere Geschichte über einen sehr besonderen, starken Mann.

Persönliche Bewertung: ✪✪✪✪✪ 5/5

3 Kommentare zu „Ein gutes Leben ist die beste Antwort — F. Dönhoff

Gib deinen ab

  1. Danke für diese einfühlsame Rezension! Das Buch wandert direkt auf meine Wunschliste. Man kann sich gar nicht genug mit diesem Thema beschäftigen – denn der Mensch tendiert zum Vergessen, und offenbar vergessen momentan einige Menschen, dass Krieg, Hass und Rassismus niemals eine Alternative sein darf.

    Liebste Grüße,
    Ida

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen, vielen Dank für deinen lieben Kommentar – Das freut mich, wenn ich eine kleine Anregung geben konnte. Da stimme ich dir vollkommen zu, auf jeden Fall!
      Und ich finde, dass Literatur dabei ein so starkes Medium ist bzw. sein kann, um das dem Menschen immer wieder zu vermitteln – vorausgesetzt, man lässt es zu natürlich..

      Schönen Nachmittag und ganz liebe Grüße
      Melanie

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: