Der Gott jenes Sommers – R. Rothmann

Den ersten Beitrag zum Themenmonat „Verarbeitung des 2. Weltkrieges in der Literatur bis heute“ soll nun dieser erst kürzlich erschienene Roman bilden.2323.jpg

„Immer schwerer wurden die Zeiten, und wer da dachte, nichts mehr verlieren zu können, (…) verlor stets noch etwas mehr.“

Kiel, 1945. Die zwölfjährige Luisa lebt – aufgrund des Krieges gezwungenermaßen ausquartiert – mit ihren Eltern, ihrer Schwester Billie und ihren unzähligen Büchern zusammen mit weiteren Geflüchteten auf einem Hof am Land. Während der Krieg schon nahezu verloren ist, halten hier noch viele – und allen voran der Ehemann von Luisas Schwester Gudrun, der hohe SS-Offizier Vinzent – am großen, am deutschen Sieg fest.
Für Luisa ist es ein Leben in einer Welt, die sie nicht zu verstehen scheint –
Sie versteht nicht, warum ihre Schwester Billie so verrückt nach den Männern ist und nicht einmal vom Schwager Vincent die Finger lassen kann, während sich doch alle Frauen so sehr vor Vergewaltigungen fürchten. Sie versteht nicht, warum den verwundeten Männern im Karmelitinnenkloster niemand mehr helfen kann und auch nicht, warum Vincent den Engländer einfach erschießen darf. Luisa versteht nicht, woher dieses Kribbeln in der Brust kommt, wenn sie mit dem jungen Walter spricht und weshalb sie so gerne in seiner Nähe ist. Luisa versteht auch nicht, warum ihr Papa ihr erklärt, die „Sträflinge“,die sie im Klosterwald gesehen hatte, solle sie nicht „Sträflinge“, sondern „Häftlinge“ nennen, die hätten schließlich keine Straftat begangen, sondern wären einfach inhaftiert worden und sie versteht auch nicht, weshalb ihr Papa doch so anders zu denken scheint, als alle anderen.
So vieles, das Luisa nicht versteht; und dennoch: letztendlich muss doch jeder für sich mit dem Krieg klarkommen.

Rothmann zeichnet das Porträt einer Familie, die der Krieg weitgehend zerrissen hat, eine Familie – abgestumpft und abgehärtet von den Grausamkeiten des Krieges. Man verliert, man leidet, man muss viel ertragen und mitansehen im Krieg – und dennoch kann selbst die mittlerweile dreizehnjährige Luisa am Ende des Krieges sagen „Ich hab alles erlebt“.

Mit Der Gott jenes Sommers ist Ralf Rothmann ein unglaublich eindrucksvoller Roman gelungen. Vor allem die Art und Weise, wie er aus der Sicht des zwölfjährigen Mädchens schreibt, mit einem gekonnt infantilisierten Blick auf die Welt, hinterließ bei mir an so manchen Stellen (und besonders gegen Ende dann) einen umso tiefergreifenden Eindruck. Das Unverständnis und die Naivität des jungen Mädchens intensivieren den Eindruck, den der Roman beim Leser bzw. bei der Leserin, der/die in den geschilderten Situationen viel mehr sieht als die junge Protagonistin selbst, hinterlässt.

Als besonders aufschlussreich empfand ich auch den autobiographisch motivierten Hintergrund, den Ralf Rothmann selbst in einem NDR Beitrag im Kulturjournal über seinen Roman, nennt, wenn er mehrmals betont, wie wichtig für ihn die Aufarbeitung der Vergangenheit seiner Eltern, die den Krieg miterleben mussten, sei und als wie wichtig er es auch empfindet, wieder und wieder diese Thematik aufzugreifen, aufzuarbeiten, damit rechte Ideologien nicht an Zuspruch gewinnen, damit so etwas Grausames wie dieser Krieg nie wieder passieren kann und –  um nicht zu vergessen. 

 Persönliche Bewertung: ✪✪✪✪ 5/5

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