Auf Wiedersehen im Himmel – M. Krausnick

Der erste Roman, den ich in diesem Themenmonat vorgestellt hatte, war ein erst kürzlich erschienener: Ralf Rothmanns Der Gott jenes Sommers, ein Roman über das Heranwachsen, das Leben eines zwölfjährigen deutschen Mädchens im zweiten Weltkrieg. Das Buch, welches ich heute vorstellen möchte, beleuchtet die Kriegssituation aus einer völlig anderen Perspektive:
aus der biografischen Perspektive eines Sinti-Mädchens, die ihr Leben bzw. Überleben vermutlich der Ohrfeige einer Schwester des Katholischen Kinderhauses zu verdanken hat:

Alles stehn und liegen lassen!“ hatte der Vater eines Tages gerufen, seine Tochter Angela und seine Frau gepackt und war in die weiten Wälder geflüchtet, wie es damals viele Roma und Sinti getan hatten um zu flüchten, um dem schlimmen Schicksal zu entgehen, um zu überleben.FullSizeRender.jpg
Angela lebt von allem, was der Wald hergibt, sie lernt, was es bedeutet, ständig zu frieren, unter ständigem Hunger zu leiden und ständig auf der Flucht zu sein. Und dennoch, dennoch ist sie glücklich, denn die Liebe ihrer Eltern und die Fähigkeit, auch in der Trostlosigkeit des kalten Winters etwas Schönes zu sehen, geben der jungen Angela Hoffnung und so verbringt sie in den Wäldern zwischen den ärmlich von ihr geschmückten Bäumchen ein Weihnachtsfest, das so zauberhaft ist, dass sie es niemals vergessen sollte.
Doch als die kleine Familie plötzlich nicht mehr entkommen kann und von den SS-Männern gefangen genommen wird, erfährt Angela plötzlich, dass ihre Mama gar nicht ihre leibliche Mutter ist und so wird sie zu ihrer biologischen, der deutschen Mutter gebracht, bei der es Angela, die es immer wieder in die Wälder zieht, wo sie sich zuhause und geborgen fühlt, nie lange aushalten sollte. Als „Zigeuner-Mischling +“ von der berühmten Rassenforscherin Eva Justin eingestuft, kommt sie in ein Katholisches Kinderhaus und vorerst scheint beinahe alles wieder gut zu werden…

„Gestapo“ flüstert einer.
„Auschwitz“, sagte ein anderer.
Denn dorthin, das wusste inzwischen jedes der Kinder, kamen seit über einem Jahr alle deutschen ´Zigeuner´.
„Unsinn“, schimpfte´Schwester Barbara. „Unfug, die Schneck-Kinder kommen zu ihren Eltern.“
Aber die sind doch schon lange tot, dachte Angela.

Der Roman beschreibt das Leben der Angela Reinhardt, und stützt sich dabei vollkommen auf  biografische Angaben und Daten. Vor allem der schonungslose Umgang mit „Zigeunern“, wie die Nationalsozialisten die Roma und Sinti bezeichneten, wird beleuchtet.

Erzählt wird dabei aus der Sichtweise der jungen Angela. Ein Mädchen, das hin und hergerissen ist zwischen ihrer Herzensmutter, bei der sie doch so gerne wäre und der leiblichen Mutter, vor welcher sie sich wieder und wieder in den Wald flüchtet, denn nur im Wald fühlt sie sich Zuhause und gleichsam auch ihren geliebten Eltern nahe.

Michail Krausnick kommt ohne viele Details und ohne Schilderungen großer Emotionen aus, gekonnt schreibt er mit angemessener Nüchternheit aus der Sicht eines Kindes, dem durch einen glücklichen Zufall ein Schicksal wie das der anderen Kinder des Katholischen Kinderhauses erspart blieb. 

Berührend, packend und oft zu Tränen rührend.

Bereits im Jahr 2001 erstmals erschienen und auch jetzt noch nach wie vor empfehlenswert! 

 

Persönliche Bewertung: ✪✪✪✪✪ 5/5

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