Vater – C. Friedman

„Ich hab Lager“, sagt der Vater. Wieder einmal. Lager ist wie eine Krankheit, wie ein Zustand; wie, wenn einer der beiden Brüder Kopf- oder Bauchschmerzen hat. Nur, dass Vater der einzige der Familie ist, der eben Lager hat.FullSizeRender 2.jpg

Dann singt der Vater Lieder; Lieder, die die junge Ich-Erzählerin und ihre Brüder nicht verstehen.  Aber der Vater erzählt auch viele Geschichten; Geschichten, in denen sich Männer von Dächern werfen, Geschichten über die Polen, Geschichten vom Kapo Willi Hammer, Geschichten von der Flucht und vom Verstecken, Geschichten von sprechenden Unterhosen, Geschichten vom Leid und Geschichten vom Tod.

Weit mehr noch als ein Ort ist das Lager ein Zustand.“

Die Ich-Erzählerin beschreibt in relativ kurzen und nicht unmittelbar zusammenhängenden Kapiteln das Leben der Familie aus ihrer kindlich naiven Sichtweise. Ein Kind, das nicht versteht, was mit dem  Vater los ist, wenn er wieder einmal Lager hat. Lager im Kopf, Lager in den Händen, sogar in den Beinen. Lager, wenn der Vater nicht schlafen kann und Lager, wenn der Vater nervös auf den Tisch trommelt. Sie weiß nicht woher der Vater Lager bekommen hat, sie hat keine Ahnung wodurch man Lager bekommt und auch nicht, wie man es wieder wegkriegt. Sie weiß nicht, wann der Vater zum ersten Mal Lager bekommen hatte und was man gegen Lager machen kann. Aber sie weiß, dass ihr Papa anders ist als die anderen. Gerade deshalb: weil er eben nun mal Lager hat. Und weil der Vater Lager hat und anders ist als die anderen Väter, sind auch die Mutter, ihre Brüder und auch sie selbst anders als andere Familien…

 

Es ist jener ganz besondere Stil, diese außergewöhnliche Art und Weise wie erzählt wird, die dieses Buch so besonders macht. Mal fehlen einem die Worte vor Entsetzen über die Erzählungen des Vaters, mal mischt sich dies mit einem kurzen Lächeln, denn die kindlich naive Sichtweise hat durchaus auch etwas Humorvolles an sich.

Immer wieder ist es vor allem Max, der ältere Sohn, der Details wissen möchte, den es offensichtlich am meisten belastet, was der Vater erzählt, weil er bereits am meisten davon versteht. Er hat so viele Fragen, auf die er Antworten sucht; Fragen, die die Mutter zu übergehen versucht;  Antworten, denen der Vater ausweicht. Denn das Verarbeiten des Geschehenen, das Aufarbeiten der erlebten und miterlebten Grausamkeiten ist nicht nur ein Prozess, den der Vater durchlaufen muss; nicht nur er selbst muss das Trauma der Zeit im Lager aufarbeiten, auch die restliche Familie muss ihren Teil dazu beitragen. 

Das Buch stellt ebendiesen Prozess der Verarbeitung in den Vordergrund: Wie kann man je vergessen, was man erleben musste, wie kann man je wieder ein ´normales´Leben führen, wenn man derartige Grausamkeiten erleben und durchleben musste? Immer wieder erinnert sich der Vater an Ereignisse, oft auch ganz plötzlich, sie überkommen ihn ohne Vorwarnung, sie überrumpeln ihn, überfallen ihn.  Nachts reißen ihn die Erinnerungen aus dem Schlaf, tagsüber erzählt er, um zu verarbeiten. Und so nimmt auch die restliche Familie an dem Verarbeitungsprozess des Vaters teil, leidet mit ihm, ohne doch auch nur im Geringsten eine Ahnung zu haben, was der Vater tatsächlich im Lager durchlebt haben muss. Und so wie die Erinnerungen aus der Zeit im Lager immer wieder den Vater einholen, überkommen auch die Kinder immer wieder Erinnerungen an den Vater.

Eine Geschichte – so unfassbar traurig und dennoch mit Humor – man möchte weinen und lachen gleichzeitig. Ein wirklich berührendes Werk, das nahe geht und einen nicht so schnell loslässt.

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